Vivaldis vier Jahreszeiten: Entstehung und Aufnahme

Klaviertheorie, 06.04.2018

Hintergrundinfos zu den Vier Jahreszeiten und Vivaldi

Vom zu Lebzeiten bewunderten Genie bis zum vergessenen und verarmten Tod fern der Heimat kostete Antonio Vivaldi (1678-1741) alle Facetten einer großen Künstler-Biographie aus. Dabei hatte dessen Vater für seinen Erstgeborenen eigentlich eine der Welt entsagende Laufbahn als Priester vorgesehen.

Zunächst folgte der „brave Sohne“ mit bereits 25 Jahren mit der Priesterweihe den beruflichen Vorstellung seiner Familie. Kurioserweise war es vor allem auf jenen Vater zurückzuführen, dass Vivaldi bald darauf als Komponist Musikgeschichte schrieb.

Gezeichnetes Porträt von Antonio Vivaldi

Während der Violinist Giovanni Battista Vivaldi neun Kindern das Leben schenkte, bekam schließlich allein der erste Sohn die musische Ader ins Herz gepflanzt. Antonio Vivaldi verstand bereits von frühester Kindheit an mit dem Instrument virtuos umzugehen. Er konnte bereits in frühester Jugend die gelegentliche Vertretung seines Vaters im Orchester von San Marco übernehmen.

Die Begeisterung für das Musizieren stand jedoch zunächst hinter dem Wunsch auf gesellschaftliche Anerkennung zurück. Hatte es der Papa noch vom Barbier zum professionellen Musiker gebracht, wendete sich Antonio schon mit 14 Jahren dem Einschlagen einer höher gestellten religiösen Karriere zu.

Vivaldis Weg vom Priester zum Lebemann

Vivaldi führte es nach der Priesterweihe auf ein asthmatischen Leiden zurück, welches das Singen bei der obligatorischen Messe erschwerte und er nach nur einjähriger Ausübung seines mühsam erlernten Berufes schon wieder nach neuen Ufern strebte.

Es dürfte die nunmehr verfolgte Hinwendung zur Musik mindestens ebenso seinem künstlerischen Naturell geschuldet sein. Die ausgeübte Violin-Lehrtätigkeit am Ospedale della Pietà – eine Einrichtung für rund 6000 unehelich geborene und verwaiste Mädchen – zu Venedig brachte ihm dabei die Bewunderung zahlreicher Schülerinnen ein.

Vivaldi, aufgrund seiner Haarfarbe bald als „rote Priester“ bekannt, genoss die ihm entgegengebrachte Anerkennung. Bei der Lehrtätigkeit stand aber allein das Leistungsprinzip im Vordergrund.

Da sich das Ospendale nicht zuletzt von den „Stuhlmieten“ der an jedem Wochenende stattfindenden Konzerte der Schülerinnen finanzierte, steuerte die Arbeit Vivaldis einen wichtigen Anteil zum Erhalt der Anstalt bei. Weil die Waisen bei ihren Auftritten in aller Regel die Kompositionen ihres Lehrers zum Vortrag brachten, wusste dieser die wöchentlichen Termine vor allem aber auch zur Mehrung des eigenen Ruhms zu nutzen.

Kompositionen wie am Fließband

Nachdem die Konzerte des Ospendale zunehmend zu einem gesellschaftlichen Ereignis wurden, welches selbst viele auswärtige Musikliebhaber nach Venedig zog, wurde Vivaldi die Mädchen-Lehranstalt bald zu klein: Der Komponist blieb seinem „musikalischen Sprungbrett“ bis zum Jahr vor seinem Tode in verschiedenen Funktionen erhalten. Er setzte jedoch seine Karriere am venezianischen Theater Sant’Angelo und als Intendant in Mantua in standesgemäßeren Positionen fort.

Für die Tätigkeit an den großen Bühnen hatten ihn insbesondere die Komposition zahlreicher Opern qualifiziert. Wenngleich „nur“ rund 50 solcher Werke überliefert sind, rühmte sich Vivaldi selbst, fast 100 Opern erschaffen zu haben.

Selbst die Tätigkeit an verschiedenen Bühnen und Opern lastete Vivaldi jedoch nicht annähernd aus. Auch um seinen immer kostspieligeren Lebenswandel zu finanzieren, diente er sich mit seinen Kompositionen an zahlreichen Theatern in ganz Norditalien an.

In dieser Zeit sorgte nur sein enormes Arbeitstempo dafür, dass er die Schlange stehenden Auftraggeber zufriedenstellen konnte: So wurde der Wunsch nach einem Concerto in aller Regel binnen von nur 24 Stunden erfüllt. Für das Komponieren einer ganzen Oper musste Vivaldi dagegen eine Arbeitswoche in Anschlag bringen.

„Die vier Jahreszeiten“

In die Hochzeit seiner musikalischen Produktion ist auch die Komposition der Violinenkonzerte & Die vier Jahreszeiten“ (Le quattro stagioni) gefallen: Angesichts der ungeheuren Fülle an musikalischen Werken ist es dabei keineswegs ungewöhnlich, dass sich das exakte Entstehungsjahr sowie die weiteren Hintergründe im Dunkeln befinden.

Bekannt ist hier lediglich, dass sich die Konzerte vor der in Amsterdam erfolgten Veröffentlichung im Jahr 1725 als Teil der Sammlung Opus 8 „Das Wagnis von Harmonie und Erfindung“ wohl schon eine ganze Weile in der Schublade des Meisters befunden hatten. Namentlich aus der Tatsache, dass die Widmung der „vier Jahreszeiten“ an den Grafen Venceslaw Morzin erfolgte, wird geschlossen, dass die Komposition bereits einige Zeit vor der Veröffentlichung entstand.

Da es Vivaldi zunächst mit einem Verleger, bald darauf in eigener Regie, üblicherweise vorzog, seine neuesten Schöpfungen umgehend in klingende Münze einzutauschen, kann nur gemutmaßt werden, warum sich bei den „vier Jahreszeiten“ ein solcher Verzug ergibt:

Hier liegt der Gedanke nahe, dass der eher experimentelle Charakter der Programmmusik nicht den unmittelbaren kommerziellen Zeitgeist getroffen hat. Die den vier Konzerten jeweils vorangestellten charakteristischen Sonette hat Vivaldi dann offensichtlich erst unmittelbar vor dem Druck der Opus-Sammlung nachträglich verfasst – und was innerhalb der ursprünglichen Komposition nicht zu der lyrischen Einleitung passen wollte, wurde auf den letzten Drücker durch etliche Korrekturen doch noch passend gemacht.

Der vergessene Tod in Wien

Weil die „vier Jahreszeiten“ der von Vivaldi frühzeitig standardisierten Dreisätzigkeit folgen, ist anzunehmen, dass die Komposition dieser vier Violinenkonzerte fast im Vorübergehen erfolgte; die Erfahrungen als virtuoser Geiger und routinierter Komponist machten für Vivaldi vermutlich selbst das Imitieren der zahlreichen Naturerscheinungen zu einem Kinderspiel.

Für ein echtes musikalisches Genie ist also nicht unbedingt ein nächtelanges Brüten über Partituren vonnöten, um ein Werk zu hinterlassen, dass die Jahrhunderte überdauert. Allerdings dürfte gerade auch das schnelle Arbeiten eine Grundlage für den „ewigen Ruhm“ Vivaldis gewesen sein:

Schließlich wird das unaufhörliche Produzieren immer neuer Werke von vielen Künstlern noch immer als das sicherste Mittel angesehen, um – neben dem unvermeidlichen Schwund – irgendwann auch einmal ein ganz großes Stück zu schaffen. Die Virtuosität der „vier Jahreszeiten“ kann jeder Musikliebhaber mithilfe der Noten nachvollziehen; zudem hilft unser Videotutorial dabei, dem technisch anspruchsvollen Werk auf die Schliche zu kommen.

Nun kann sich Antonio Vivaldi rühmen, der Nachwelt deutlich mehr als nur eine kompositorische Duftmarke hinterlassen zu haben. Dennoch wollte es das Schicksal, dass der große Musiker zumindest seinen Zeitgenossen in Vergessenheit geriet.

Nachdem sich Vivaldi aufgrund seines für unbotmäßig gehaltenen Lebenswandel in den 30er-Jahren des 17. Jahrhunderts mit dem Ospendale irgendwann gänzlich überworfen hatte, wendeten sich die Musikliebhaber Venedigs zunehmend neuen Helden zu. Vivaldis später Versuch, nach einem Umzug in Wien wieder Fuß zu fassen, blieb der erhoffte Erfolg versagt.

Als er zehn Monate nach seiner Ankunft verstarb, wurde davon weder im heutigen Österreich noch in der italienischen Heimat Notiz genommen.

Yacine Khorchi

Yacine Khorchi

Yacine absolvierte nach dem Abitur ein Intensivstudium an einer privaten Musikschule und ein Klavierstudium an der Hochschule für Musik in Würzburg. Seit über 10 Jahren unterrichtet er Klavier und leitet seit 2013 den Musik Komponistenkurs an der Pop Akademie Frankfurt.

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